Mittwoch, 12. Juni 2019

4 Monate vorbei und weitere 2 folgen

Hola y buenos dias

Nur noch acht Wochen und dann betrete ich wieder Schweizer Boden. Ist es nicht erstaunlich, wie sich der Mensch an neue Umstände anpassen kann? Vor einem Vierteljahr habe ich mir gedacht, wie ich diese sechs Monate wohl überstehen werde und nun ist total die Routine eingekehrt und ich fühle mich fast schon ein wenig wie zu Hause. Der Herbst zeigt sich, nach der etwas kälteren Periode, wieder von seiner schönsten Seite. Milde Temperaturen, schöne Sonnenuntergänge. Genau das, was ich liebe.

Am Dienstag ging ich mit einer Kollegin erneut Tango tanzen. Doch dieses Mal war der Unterricht etwas chaotischer. Es gab nicht wirklich ein Konzept und nach der Einleitung und dem Aufwärmen wurden  zwischendurch ein paar kleine Hilfestellungen angeboten. So oder so habe ich wieder ein klein bisschen mehr über diesen Tanz erfahren. Die Faszination bleibt bestehen. Die wunderbare, sinnliche und von grösster Eleganz zeugende Ausdrucksweise, finde ich jedes Mal aufs Neue genial. Es ist von zentraler Bedeutung auch mit kleinen Dingen etwas anfangen zu können. Sich an kleinem freuen und nicht immer das Opfer des Perfektionismus zu sein (ich spreche aus Erfahrung).

Am Donnerstag widerfuhr mir etwas Spezielles. Ich war aufgrund des Wine Wednesdays noch etwas müde und döste im Bus so vor mich hin, als dieser anhielt und Polizisten eintraten. Ihr könnt 100x raten wen sie mitunter ausgesucht haben, um den Omnibus zu verlassen und eine Personenkontrolle durchführten. Glücklicherweise hatte ich eine Passkopie bei mir und verstand die Beamten zu wenig. Ja, Missverständnisse und Unwissenheit sind bei jemandem, der erst seit drei Monaten am Spanisch lernen ist natürlich an der Tagesordnung. Zwischendurch kann dieser Nachteil aber auch als Vorteil dienen. Man verhält sich einfach wie ein "dummer" Tourist und sogleich ist man nicht mehr ein allfälliger Drogendealer ;-). Dafür erlebte ich im Projekt einen wunderbaren Nachmittag.
Donnerstags ist jeweils freies Spiel angesagt. Dafür gehen wir zu einem nahegelegenen Platz und nehmen einige Bälle und sonst welche Spiele mit. Dieses Mal jedoch auch noch Musikinstrumente. Repiniques, Surdos und Bombos. Let's groove it! Es tat richtig gut wieder einmal frei zu "drummen" mit den Kids. Besonders Santi, der zu den Auffälligsten gehört (Anm.: Der Junge, der mehrere Jahr Babynahrung erhielt) hat ein grosses Talent, wenn es um Rhythmus geht oder sonst was mit den Händen gemacht werden muss. Die Kinder haben sonst keine grossen Möglichkeiten vielseitig Neues zu entdecken. In diesem Projekt wird Verborgenes zum Vorschein gebracht. Das ist meine absolute Leidenschaft. In jedem Menschen steckt Talent und Begabung, manchmal muss man es nur ein wenig suchen gehen!  Deshalb mein Zuspruch heute an dich: Du bist wertvoll & dein Talent wird gebraucht!   
Am Samstag wollte ich eigentlich einem Hobby aus meiner Kindheit frönen. Neue Zuglinien und Züge ausprobieren. Ziel wäre die Villa Lugano gewesen, ein südlicher Teil von Buenos Aires, der durch eine Strassenbahn erschlossen wird. Als "echter Schweizer" und Tessin-Fan, so dachte ich mir, muss ich diesen Ort doch fast besuchen gehen. Glücklicherweise machte ich mich am Abend vorher noch schlau. Denn beim Wort "Villa" klingelten bei mir plötzlich die Alarmglocken und ich sollte recht behalten. Villa, zu Deutsch Dorf, ist in Argentinien meist die Bezeichnung für Armenviertel/Slum. Durch die etwas abgelegenere Lage der Villa Lugano und Soldati gerät dieser Teil Buenos Aires ein wenig in Vergessenheit. Das ist mitunter ein Grund, weshalb es sich um einen sozialen Brennpunkt handelt. Ich verbrachte daher meinen Samstag mit Sport, Erholung und Lesen.

Ein weiteres Erlebnis machte ich kürzlich. Da die Köchin krank war, übernahm ich das Kochen und bereitete erneut Arroz con Pollo zu (das war so nicht abgemacht, sondern stand offiziell auf dem Menu-Plan ;-) ). Um eine lange Story kurz zu halten. Alles lief einwandfrei bis auf den Fact, dass praktisch alle Kinder mir sagten: "Johnny, la comida es muy picante hoy" (Johnny, das Essen ist heute gut gewürzt/pikant). Die Kinder, aber auch allgemein die Argentinier sind sich Schärfe gar nicht gewohnt und ich musste innerlich schmunzeln, da das Mittagessen im Vergleich zu meiner sonstigen Liebe zu Schärfe, nicht einmal einen Bruchteil dessen aufwies wie ich es grundsätzlich mag. Ich lerne immer wieder Neues dazu. Am darauffolgenden Tag durfte ich erneut den Kochlöffel schwingen und die Kids hatten offensichtlich ein Trauma durch die gut gewürzte Salsa des Vortages.  Ohne zu Zögern äusserten sie ihre Bedenken dementsprechend in der Einfindungsrunde😄.

Um noch mehr von Argentinien und Buenos Aires zu entdecken, will ich mich zum Ende meines Einsatzes noch intensiver mit den Leuten und der Geschichte dieses Landes auseinandersetzen. Dazu nehme ich mir unter anderem vor, nach meinen Ferien einerseits ins ESMA-Museum zu gehen (Geschichte über die Diktatur Argentiniens), sowie regelmässig an Mundolingo- oder weiteren Sprachevents teilzunehmen. Diese sind dafür gedacht, mit anderen Menschen in einer Bar die eigenen Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern und Kontakte zu knüpfen.

Jetzt geht es aber erstmal in den Norden und Nordwesten Argentiniens. Wiederum lasse ich Onkel Laptop zu Hause und freue mich riesig, euch dann in knapp drei Wochen von meinen Abenteuern zu erzählen!

Jo's Corner:

Manchmal muss man etwas, was einem wertvoll und wichtig erscheint loslassen, damit man selbst im Leben weiterkommt. Solch ein Prozess des Abschieds ist schmerzhaft und kann an die Substanz gehen. Doch im Ende wird man dadurch stärker. 


Mach dich auf den Weg, hab keine Angst!


Hierzu ein passendes Bild:




*Für eine sichere und beschwerdefreie Reise

*Guter Zusammenhalt zwischen mir und meinem Kollegen

*Weisheit für die kommenden Monate (Rückkehr Schweiz, Studium, Wohnen bei den Eltern usw.)



-Jo




Dynamisch am Werk

Volunteer ist müde. Volunteer ist am schlafen.

Wine Wednesday 










Milonga
Die lieben Schweizer wieder...
Outdoor Bum-Bum

Sonntag, 2. Juni 2019

Eingelebt

Buen dia a todos!

Es ist kalt geworden in Buenos Aires. Viele in der WG sind am husten und sehnen sich schon fast ein wenig nach der Rückreise ins warme Europa. Ich kann sie teilweise verstehen und doch muss ich sagen, dass ich den argentinischen/"buenosairischen" Flair vermissen werde. Er ist schwierig zu beschreiben, aber diese Vielfalt und der Reiz als würde man durch Paris schlendern, sind einmalig (Ich bin by the way grosser Paris-Fan). Auch die Leute sind m.E etwas alternativer in ihrer Art als im übrigen Teil Südamerikas, vielleicht sogar etwas rauer, was aber in einer Weise auch seinen Charme hat. Eventuell ist es aber auch der europäische Einfluss, der mir gut gefällt. Viele Shops, wo man "fancy" Lebensmittel einkaufen kann und gemütliche Cafés vermitteln irgendwie eine Wohlfühlatmosphäre. Gerade kürzlich lief ich durch die Strassen dieser Stadt und war einfach nur glücklich. Buenos Aires ist spannend mit all den diversen Gerüchen und Orten. Ich kenne mich hier langsam, aber sicher aus und verstehe auch ein wenig die Eigenheiten, welche hier gang und gäbe sind. Eingelebt. So kann man mein Gefühl/Zustand wohl nennen.

Am letzten Sonntag wurde ich gegen mein eigentliches Konzept von einer freiwilligen Mitarbeiterin im Gottesdienst angesprochen. Grundsätzlich wollte ich in der Masse der Besucher untertauchen und die Anonymität ausnutzen. Doch dem war glücklicherweise nicht so. Nach einem kurzen Gespräch erhielt ich die Handynummer eines Kleingruppenleiters. Das heisst Connecten mit anderen Christen in Buenos Aires. Coole Sache und definitiv ein Weg, um aus der Komfortzone rauszukommen. Am Donnerstag war es dann soweit und ich ging in die besagte Kleingruppe. Es war ein schöner Event, der zwar weder mit der Bibel noch sonst was mit dem Glauben als solches zu tun hatte, sondern einfach dem eigentlichen Kennenlernen "neuer" Gottesdienstbesuchern diente. Ich hatte erneut die Chance mein Spanisch zu trainieren und verbrachte einen amüsanten Abend mit anderen Christen.
Ich freue mich bereits in 14 Tagen wieder vorbeizugehen.

Mit dem Spanisch geht es immer wie besser. Es erfüllt mich zeitweise mit Stolz, dass ich ab und zu  bereits das Meiste verstehe, was die Leute sagen oder jedenfalls den Kontext der Unterhaltung (Ausnahmen nicht ausgeschlossen). Schwierig wird es, wenn die Personen schnell oder undeutlich reden. Mit dem Sprechen happert es bei mir (immer) noch, doch es geht auch da langsam vorwärts. Wie ich das in einem der ersten Blogbeiträge erwähnt habe, ist die Sprache das eigentliche Fundament, um Zugang zu einem gewissen Land und deren Leuten zu haben. Je mehr ich mir Spanischkenntnisse aneigne, desto mehr werde ich auch zu einem Teil der Einheimischen.
Man spricht mit mir, ich kann ein wenig antworten und sogleich ergibt sich ein kleines Gespräch.

Letztes Wochenende war ein Spezielles! Einerseits war am Samstag ein offizieller Feiertag und damit konnte man nicht ganz aus dem Vollen schöpfen, was programmtechnisch normalerweise möglich wäre. Andererseits waren wir das ganze Wochenende nur zu fünft in der WG, da der Grossteil in Uruguay war (Yeah!). Das war Erholung pur. Ruhe, Gemütlichkeit, sich etwas gönnen. Genau mein Geschmack! (Anmerkung : Wir haben jede Woche einen gewissen Betrag für das Essen zur Verfügung, den wir ausgeben können. Durch das, dass wir nur zu fünft waren, haben wir richtig gediegen gegessen). Am Samstag ging ich am späteren Nachmittag in ein Café, ungefähr 15 Gehminuten von unserer WG entfernt, um zu schreiben und zu lesen. Ich habe richtig Gefallen daran gefunden zwischendurch in ein solches Lokal zu sitzen und einfach "sein" zu dürfen. Cafés besitzen durch die Diversität der Kunden, den in der Luft liegenden Kaffeeduft und den zarten Hauch von Intellektualität, das gewisse Etwas.

Tags darauf halfen wir als Volunteers dann beim Finale des Arte-Latte-Wettbewerbs mit. Schön war dabei, dass dieses Mal auch die Mitarbeiter aus Monte Chingolo dabei waren. Monte Chingolo ist ansonsten etwas von der Hauptstadt abgenabelt und deren Einwohner gehen selten bis gar nie nach "Downtown Buenos Aires". Ich bin immer noch hellbegeistert vom Projekt. Die Wertschätzung, die mir jedes Mal entgegengebracht wird, meine persönliche Entwicklung, welche von Seiten der Projektleiter erwünscht ist und die vielgepriesene Vielseitigkeit sind Spitzenklasse!
Etwas Besonderes muss ich an dieser Stelle aber noch zusätzlich hervorheben. Die neuen Gerichte resp. deren Abwandlungen, die ich kennenlern(t)e.Beispielsweise Brownies aus Indianerbohnen, glutenfreie Crackers aus Maniok- und Kichererbsenmehl oder Kartoffelgratin mit Chiasamenfüllung. Eine wahre Inspirationsquelle für einen kochbegeisterten Menschen wie mich. Ben ist für mich dabei ein grosses Vorbild! Die ganze Auseinandersetzung mit Ernährung und gesundem, ausgeglichenem Lebensstil faszinieren mich sehr.

Vor zwei Tagen fand das allwöchentliche Seminar in einem Plenarsaal der Universität Buenos Aires statt. Wir besuchten einen Teil eines zweitägigen Kongresses, der sich mit dem barrierefreien Studieren für Menschen mit kognitiven oder köperlichen Einschränkungen befasste. Häufig muss man sicher wieder vor Augen halten, welches Privileg wir "gesunde" Menschen (nicht despektierlich gegenüber anderen gemeint!) geniessen dürfen laufen, sehen und hören zu dürfen.
Und dennoch sehen wir es viel zu oft als selbstverständlich an...

Gestern machte ich einen Abstecher nach Chinatown (ja auch Buenos Aires besitzt eines). Wobei man eher von einer Strasse sprechen kann, denn so gross ist diese "Stadt" auch wieder nicht. Die Atmosphäre und die Produkte in den jeweiligen Läden stimmten mich ein wenig nostalgisch und versetzten mich in meine beiden China-Aufenthalte zurück. Chinesen sind sowieso ziemlich präsent in Buenos Aires. Immer wieder sieht man Läden des täglichen Bedarfs, die von Chinesen geführt werden (im Volksmund "Chinos" genannt). So sah ich sogar einmal einen Laden, der sich "ArgenCHINO" nannte ;-). Ziemlich befremdend und teilweise ein wenig beängstigend.


Jo's Corner:

Am Mittwoch hatten wir ausnahmsweise frei, da Ben eine Erkältung auskurieren musste. Das heisst einen ganzen Tag frei während der Woche. Und dann kam er. Der innere Schweinehund. Anstatt Spanisch zu lernen oder etwas für das Seminar zu suchen, sah ich mir zuerst einmal ein paar Dokus an. Viel Zeit zu haben ist nicht nur positiv... Gelegenheit macht Diebe: Zeitdiebe! Erst als meine Augen bald schon mehr viereckig als rund waren, stoppte ich das Ganze und machte mich an die richtige Arbeit. Doch ich war verspannt und unkonzentriert. Nach längerem Hin- und Her überwand ich mich ins Gym zu gehen und ES TAT GUT. Trotz meiner leicht angeschlagenen Gesundheit machte ich mich auf den Weg ins Fitnesscenter und trainierte meinen Kräften entsprechend.
Was heisst das?
Binsenwahrheit: Zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen.

Mach zuerst das Ungemütliche/Unbequeme und geniesse anschliessend deine "Belohnung". Strukturiere deinen Alltag, damit du am Ende des Tages zufrieden sein kannst und nichts bereust :-)


-Jo




Bienvenido a Chinatown
Streetart

Locro. Das nenne ich südamerikanische Essenskultur!
Aus der Rubrik: "Es fährt und hat vier Räder"


Die Monte Chingolo Band ;-)
  



Montag, 20. Mai 2019

Halbzeit - Halftime - Mitad


Tres meses en Argentina 😊

Halbzeit. Wow! Nun bin ich tatsächlich schon ein Vierteljahr hier in Buenos Aires. Wie die Zeit vergeht... Fast unheimlich. Kennt ihr das Gefühl zwischen Vorfreude und Wehmut? Genau so geht es mir ab und zu. Vorfreude auf meine Rückkehr in die Schweiz, Wehmut Argentinien zu verlassen. Es ist jedenfalls toll, dass ich nochmals drei Monate Zeit habe weitere Dinge zu erledigen, die noch auf meiner Bucket-List stehen. Ich bin noch nicht bereit nach Hause zu gehen. 

An dieser Stelle möchte ich noch etwas mehr über gewisse Details im Projekt erzählen. Das erste Ding nennt sich METVISA und ist die Maschine schlechthin für das Projekt. Dank diesem Ungetüm lassen sich diverse Nahrungsmittel (insbesondere Gemüse) kleinhäckseln, damit sich die Kinder gesund ernähren, ohne die perfekte Möglichkeit zu erhalten Gemüsestückchen aus dem Essen zu fischen. Das Gemüse im Allgemeinen, wird nach der Zustellung durch den Lieferanten mehrheitlich mit der Maschine gehäckselt und in Tupperwares abgefüllt, damit man für die Zubereitung der Gerichte Zeit gewinnt. Für jede Woche gibt es einen Essensplan, was sowohl strukturtechnisch als auch finanziell sinnvoll ist. Des Weiteren ist das Thema Abfall und Wiederverwertung zentral. Mit den organischen Abfällen wird Kompost produziert, der für den momentan in Planung stehenden Garten gebraucht wird. Ausserdem werden Plastik, Karton/Papier und weiterer Müll separiert und individuell verwendet. Besonders der Karton wird häufig für den selbstgebauten Ofen zum Anfeuern gebraucht. Dies ist zeitweise meine Aufgabe und ich habe Gefallen daran gefunden. Insbesondere  der Geruch nach verbranntem Holz versprüht irgendwie eine besondere Stimmung. Ich geniesse es ausserdem sehr mit den Kindern zu spielen; sei es Basketball, Huckepack oder auf eine freundschaftliche Art ein wenig zu raufen/rumzutollen. Einfach mal wieder Kind sein zu dürfen! 

Am Sonntag habe ich es endlich geschafft eine Church zu besuchen. Und es war keine geringere als die weltberühmte Hillsong Church, die hier in Buenos Aires ebenfalls einen Ableger hat. Der Gottesdienst fand in einem Theatersaal statt und war genau das Richtige, was ich an diesem Sonntagnachmittag gebraucht habe. Grossartige Anbetungszeit, gute Atmosphäre und tiefgründiger Input. Das ist Erholung pur und tut mir enorm gut. Der Glauben hilft mir auch in schwierigen Zeiten dranzubleiben (passend dazu das Thema der Predigt "La Calma in mi tormentas" = Die Ruhe in meinen Stürmen). 
Am Abend tat ich etwas richtig Argentinisches. Anlässlich des Abschieds eines Volunteers gingen einige Volunteers und ich in ein Restaurant. Und dann, ja dann gabs FLEISCH resp. Asado. Von Steak über Hähnchen bis hin zu Wurst und Innereien. Ich als 90% Vegetarier nutzte die Gunst der Stunde und gab den 10% des Karnivoren in mir den Vortritt ;-). Mutig probierte ich alle "Köstlichkeiten". Was mir daran besonders gefiel war die Neugierde, einfach, ohne gross nachzudenken, die unbekannten Dinge auf der Schlachtplatte zu probieren. Symbolisch kommt mir zu diesem Thema ein Bild in den Sinn, das ich vor längerer Zeit einmal von jemandem erhalten habe. Es geht darum, dass man den einfahrenden Zug aus der Distanz sieht und weiss, dass man diesen nur noch mit Mühe und Not erreichen wird. Was macht man jetzt? Entweder kann man aufgeben und sich einreden, es habe keinen Sinn auf den Zug zu rennen oder es probieren und sich im Nachhinein wenigstens keine Vorwürfe machen zu müssen. Ich jedenfalls entschied mich bzgl. dem Asado für Variante 2 und bereute es nicht. Klar, es schmeckte mir nicht alles. Spannend war es trotzdem. Dennoch ist diese Zelebrierung des Rindfleisches nicht das Meinige und ich werde dem Ganzen daher höchstens für einen speziellen Anlass nochmals beiwohnen.

Der Freitag ist mein Seminar- und Spanischkurstag. Jeweils eine Stunde lang 1:1 Spanischunterricht mit einer wirklich tollen Lehrerin. Cecilia bringt mir durch ihre humorvolle, geduldige und abwechslungsreiche Art die Spanische Sprache auf eine interessante Art bei.
¡Vamos a practicar el español! Spannend ist es besonders zu realisieren, was es heisst eine Sprache von Grund auf neu zu lernen und schrittweise auch mit den Tücken konfrontiert wird. Was bei mir im Hochdeutschen von alleine abläuft, muss ich mir hier erarbeiten. Man realisiert erst jetzt wie eine Sprache aufgebaut ist, wie und wann man welche Zeitform verwendet oder etwas sagen kann.

Es gesellte sich am letzten Freitag aber noch etwas Weiteres dazu. Impfen. In Argentinien ist die Öffentliche Gesundheit gratis und dies nicht nur für Einheimische. So hatte ich die Möglichkeit die empfohlene Gelbfieberimpfung gratis nachzuholen. Besonders wichtig im Hinblick auf die bevorstehende Reise nach Iguazu. Lustig war das ganze Prozedere, welches nicht einmal zwei Minuten gedauert hat. Nachdem die Formalitäten geklärt waren, ging ich in ein kleines Zimmerchen.
Eine Pflegefachfrau hielt schon eine Spritze bereit, impfte mir das Serum in den Arm, desinfizierte die Einstichstelle und das wars ;-) Als wäre es Fliessbandarbeit. Da sich die Impfstation im berühmten Viertel "La Boca" befindet, nahm ich diese Gelegenheit gerade war und stattete diesem Ort einen Besuch ab. Sehr farbenfroh und interessant, jedoch leider ziemlich touristisch und es gab nicht sehr viel zu sehen. Man konnte gelegentlich den Charme dieses Viertels herausspüren und sich in die Zeit zurückversetzen, als dieses Bario noch kein so grosser Touristenmagnet war, sondern ein Quartier der zugezogenen Italienern und des "echten" Tangos (jetzt gibt es dort nur noch inszenierte Darbietungen bei gewissen Restaurants). Als Fussballfan musste ich dann am Schluss natürlich noch schnell beim Stadion der Boca Juniors vorbei. Die zwei zentralen Clubs in Buenos Aires/Argentinien sind Boca Juniors und River Plate. Beide bis aufs Blut verfeindet. Entweder man ist für blau-gelb oder rot-weiss. Es ist nicht nur ein Duell auf dem Fussballfeld, sondern auch der sozialen Klassen. Boca ist ein Arbeiterverein, währenddem Riverfans meistens aus der Mittel- oder Oberschicht stammen.

Ich entdecke zunehmend stärker, wo meine Leidenschaften liegen und es macht mir Spass in diese Bereiche zu investieren. Beispielsweise Ausschau nach Street Art oder allgemein Kunst zu halten, mehr unverpackte Nahrungsmittel zu kaufen und einfach  Zeit zu haben für Dinge, die mir am Herzen liegen. Argentinien ist challenging, aber dieses Erlebnis tut mir gut und ich finde immer wie mehr zu mir selbst. Ein Beispiel war mein erneuter Ausflug nach Palermo, um Graffitis zu fotografieren [habe euch ja ein Update versprochen ;-) ]. Dieser etwas alternativ angehauchte, leicht hipstermässige (Lebens)stil mit urbanen Einflüssen gefällt mir sehr. 

Zurzeit beschäftige ich mich fest mit der Ferienplanung. In knapp vier Wochen geht meine zweite Reise los. Dieses Mal in die entgegengesetzte Richtung. Ich freue mich sehr darauf den Norden
Argentiniens, inklusive der weltberühmten Wasserfälle, zu erkunden. Besonders aber auch auf die schweizerische Unterstützung in Form eines guten Kollegen, der mit mir zusammen reist.


Jo's Corner: 

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und es ist viel einfacher mit dem Strom als gegen ihn zu schwimmen. Und dennoch ist es von zentraler Wichtigkeit zu seiner inneren Haltung zu stehen, auch mal anzuecken oder ein Kopfschütteln beim Gegenüber zu verursachen. Schäme dich nicht dafür das "Richtige" zu tun auch wenn es andere nicht so sehen. Es ist besser von anderen nicht verstanden zu werden, als sich selbst zu betrügen/belügen.

Martin Luther King stellte dies sehr treffend fest:

“Never, never be afraid to do what's right, especially if the well-being of a person or animal is at stake. Society's punishments are small compared to the wounds we inflict on our soul when we look the other way.”


-Jo





Panoramaansicht des Vorplatzes. Rechts ist die Küche, daneben der Essensraum.Auf der linken Seite eine Halle für diverse Aktivitäten

Bild der cancha (Sportplatz)


Hillsong Gottesdienst

Ä Guete ;-)

Streetart in La Boca

La Boca!

Volunteers in der Theaterklasse

Streetart Palermo

Streetart 3.0





Sonntag, 5. Mai 2019

Nachdenklichkeit und Updates

Como estan mis amigos?

Dank dem Theaterlehrer in unserem Projekt, besuchte ich mit einigen anderen Volunteers zusammen am vorletzten Samstag eine Improshow. Wir wurden in den Raum hineingeführt, nahmen Platz und wechselten dann während ca. 90 Minuten zweimal den "Schauplatz", um insgesamt drei verschiedene Szenen zu sehen. Die ganzen Handlungen machten den Eindruck, als wären sie im vorhinein bereits einstudiert worden. Doch der Co-Worker teilte uns nach der Vorstellung mit, dass die einzelnen Schauspieler lediglich mehrere Charaktere zugeteilt bekamen und dann Alles spontan machen mussten.Wirklich beeindruckend! Hat mich gerade (wieder) animiert mit dem Theater spielen zu beginnen.Was die Theaterklasse in unserem Projekt betrifft , hilft mir diese mehr aus mir herauszukommen und ein wenig meine Komfortzone zu verlassen. Das Projekt im Generellen inspiriert mich kreativer zu werden. Sei es in Zukunft selber mehr Dinge zu kochen/backen, zu malen oder sich anderweitig auszutoben. 
Nach dem Theater gönnten wir uns im Szeneviertel Palermo einen wirklich guten Burger (Burger Joint; gehört angeblich zu den besten Burger in der Stadt). Palermo ist sowieso ein toller Ort für einen Hipster wie mich 😎 Trendy und viel Streetart (Updates folgen).

In Palermo war es auch, wo ich mich zum zweiten Mal mit der Ex-Volunteerin aus der Schweiz traf. Dieses Mal mit ihrer Kollegin zusammen, welche ebenfalls aus der "Heimat" kommt ;-). Und das Thema Heimat war auch eines der Hauptthemen über das wir sprachen. Durch dieses Gespräch wurde ich wieder an meine äthiopischen Wurzeln erinnert. Man lebt tagein tagaus mit diesem reichen Schatz und nutzt dabei die Chance nicht, welche sich darin verbirgt. Halber Äthiopier zu sein betrachte ich als eine Chance und Privileg!

Ja der liebe 1. Mai... (ist ein Feiertag in Argentinien). Hier wird das Ganze wirklich noch "ernst" genommen dh. keine U-Bahn, kein Bus, einfach nichts an ÖV fährt an diesem Tag. Und weil es so schön ist, begann die Arbeitsniederlegung bereits am Dienstag. Glücklicherweise wurden wir am 30. April von Ben nahe unserer WG abgeholt. Spannend war es dann am nächsten Tag, weil praktisch alle Volunteers da waren --> Hat du kein ÖV, mut du su Hause bleiben😉

Um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern: Ich finde es in der letzten Zeit spannend zu realisieren, wie ich Dinge vermisse , die rein von aussen betrachtet vielleicht gar nicht so von grosser Bedeutung sind. Zum Beispiel mit meiner Mutter in die IKEA zu fahren und zu frühstücken, 
mit meinem Vater zu fachsimpeln oder einfach mal wieder mein liebes Drum zu malträtieren.
Allgemein kommen mir gelegentlich Erlebnisse aus der Vergangenheit (u.a Kindheit) in den Sinn.  Die vielen Besuche im Tierpark Dählhölzli oder den legendären Spinatkuchen meiner Grossmutter. Vielleicht ist es auch der Herbst mit seiner Melancholie, der mich etwas in diese Stimmung versetzt. Ich liebe diese Jahreszeit und deren "Atmosphäre", die sie durch die farbigen Blätter, den Duft des Windes und der rötlich schimmernden Sonne erzeugt, enorm.

Am vergangenen Freitag halfen wir am Abend bei einem Arte Latte-Contest mit, der von unserem Projekt initiiert wurde. In einem Hipster-Café zeigten verschiedene Milchschaumkünstler ihr Können indem sie gegeneinander antraten. Währendessen verkauften wir Volunteers Kuchen und Drinks. Die Grosszügigkeit von Ben hat mich dabei berührt. Wir durften uns bei den (alkoholischen) Getränken bedienen, bekamen Lose für den Wettbewerb (er verschenkte viele Packungen Kaffee von seiner Cafeteria in Neuseeland) und am Schluss lud er mich beim Nachtessen ein, weil ich zu wenig Geld dabei hatte. Mag nach nicht viel klingen, aber es kommt auf die Geste drauf an. Besonders, da er sicher nicht das höchste Salär hat. Grosszügigkeit ist etwas, das ich bewundere! Der Event wird nun noch zwei weitere Male stattfinden. Möge der/die Beste gewinnen.

In Buenos Aires sieht man immer wieder Kurioses & Witziges.
Wie verdient man als Strassenmusiker (hoffentlich) mehr Geld? In dem man zu zweit auf je einer Seite der Metrostation zusammenspielt. Sprich; Der Gitarrist auf dem einen Bahnsteig und die Geigerin auf dem Gegenüberliegenden.
Man sieht Autos, bei denen man von Glück sprechen kann, dass sie überhaupt noch fahren können [besonders natürlich in Monte Chingolo; die Schweizer Motorfahrzeugprüfer würden beim Anblick wahrscheinlich des Öfteren knapp an einem Herzinfarkt vorbeischrammen ;-) ]. Oder, um bei den Autos zu bleiben; Ist es nicht toll, wenn jedes Mal Gioachino Rossini's Wilhelm Tell Ouvertüre gespielt wird, wenn man seinen Wagen mit dem Zündschlüssel abschliesst?

Man könnte gemäss den Angaben im Blog meinen, es sei Alles perfekt und ich mache tagtäglich immer wieder Fortschritte usw. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Es harzt ein wenig mit dem Spanisch und besonders an diesem Wochenende (es regnete zwischendurch), holte mich der innere Schweinehund wieder ein wenig ein.
In dieser Hinsicht will ich euch nichts vormachen. Klar, es hat keine weitreichenden Konsequenzen, wenn ich den eigentlich geplanten Gottesdienstbesuch auf nächste Woche verschiebe. Ich konnte die Zeit für Anderes nutzen, aber es geht mir um den Grundsatz.
Die Geschichte eines tamilischen Ehepaares ging mir dabei kürzlich ziemlich nahe. Beide betrieben zusammen einen Kiosk im Lorraine-Quartier. Sie starben kurz vor ihrem Abreisetag während des Frühstücks durch einen der Selbstmordattentäter in Colombo. Die beiden Söhne, welche mitgereist sind, überlebten, weil sie noch im Hotelzimmer waren. Ich möchte damit nicht auf die Tränendrüsen drücken, sondern viel mehr das Bewusstsein schärfen, die Zeit nicht als ein selbstverständliches Gut zu betrachten. Hier habe ich persönlich noch grosses Verbesserungspotential.

Nun bin ich bald drei Monate hier und  habe euch ja noch gar keine Bilder gezeigt, wie und wo ich lebe. Dies werde ich natürlich schnellstmöglichst nachholen. Untenstehend erhaltet ihr einige Eindrücke

 Jo's Corner:

In unserer heutigen Zeit wollen wir alles und zwar sofort, ohne auch nur eine Sekunde dafür zu verschwenden auf etwas zu warten (mich nicht ausgeschlossen). Weshalb fällt es uns so schwer uns dagegen zu wehren? Ich vergleiche es (vielleicht ein wenig klischeehaft) mit der Vorfreude auf Weihnachten oder der Sehnsucht jemanden wiederzusehen. Klar, man könnte alle Hebel in Bewegung setzen und sich jetzt bereits das heissgeliebte und so ersehnte Geschenk kaufen oder versuchen die Person irgendwie zu treffen. Doch lerne ich immer wie mehr, wie schön es ist, sich wie ein kleines Kind auf etwas zu freuen, das noch in einiger Entfernung liegt.
Ein anderes Bild ist der Vergleich Wanderung vs. Bergbahn. Es wäre mit keiner grossen Anstrengung verbunden in die Bergbahn einzusteigen und den Hügel hinaufzufahren. Doch ist es nicht ein viel besseres Gefühl, wenn man den Wanderweg unter die Sohlen nimmt und dann nach einigen Stunden den Gipfel erreicht und sich darüber freut endlich oben angekommen zu sein?

Nimm nicht immer den einfachen Weg; durch Verzicht, Selbstbeherrschung und Geduld kannst du Grosses erreichen.  

Oder, wie es in abgeänderter Form Dr. Ben Carson zu pflegen sagt:
Through hard work, perseverance and faith in God you can live your dreams.

-Jo


Theater, Baby!




Arte Latte-Contest

Mein Zimmer (don't worry, todo bien) ;-)

Wohnzimmer

Aussicht vom Balkon aus
Pizza Pizza!

Nelson Mandela im Burger Joint Restaurant













Dienstag, 23. April 2019

Tango! Palermo! La Plata!

Hola mis amigas y amigos 😊

Am vergangenen Dienstag ist es passiert! Ich habe mich, nach kurzem Zögern, dazu überwunden mit anderen Volunteers zusammen Tango tanzen zu gehen. Kurzum: Ich war total begeistert! Als blutiger Amateur war ich sehr froh darüber, dass wir und andere Teilnehmer eine Einführungslektion erhielten, wo man die ersten Schritte dieses Tanzes erlernte. Die Eleganz, der Stolz und die Sinnlichkeit, welche der Tango ausstrahlt, ist umwerfend. Ich habe mich in diese Tanzart verliebt und hoffe meine Skills als "Tangotänzer" in den kommenden Monaten noch zu verbessern.
Die Location als solche ist ebenfalls erwähnenswert. Eine lauschige, leicht schummrige Halle, wo man richtig ins authentische Buenos Aires der 60er Jahre zurückversetzt wird. Das ist es, was ich erleben will. Sich auf Neues einlassen und nicht schon im Voraus den Riegel vorschieben und sich komplett von neuen Chancen abwenden.

Nach meiner bereits absolvierten Free-Walking-Tour am vergangenen Wochenende, machte ich mich am Freitag, nach meinem allwöchtenlichen, einstündingen Spanischkurs auf den Weg, um das Viertel Recoleta unter die Lupe zu nehmen. Wiederum lief ich mit dutzend anderen Touris durch die Gassen Buenos Aires. Recoleta gehört zu den noblen Stadtteilen und es war faszinierend Anekdoten aus vergangen Tagen vom Tourguide erzählt zu bekommen.
Auf meiner Suche nach "Orten der Ruhe" (Anm.d. Verf. : Die Anführungszeichen wurden gesetzt, da man in B.A praktisch keinen Ort findet, wo wirklich Ruhe und Einsamkeit herrscht), bin ich auf den schönen Jardin Botanico im Stadtteil Palermo gestossen. Ein Ort, der mit seinen Büsten, dem schmucken Gewächshaus und einem edlen Herrschaftshaus eine Prise Noblesse versprüht.
Ich geniesse es, einfach inmittten der Stadt, zwischendurch solch grüne Oasen kostenlos zu besuchen.
Der Herbst hat nun defintiv Einzug gehalten. Die Temperaturen sind immer noch angenehm, doch man spürt, dass es am Abend einerseits kühler wird und andererseits die Sonne auch früher untergeht (und ja es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb ich den Wechsel der Jahreszeit bemerke:
Ich durfte schon zweimal Laub rechen im Projekt).

Am Sonntag fuhr ich mit dem Zug nach La Plata. Eine durchaus sehenswerte Stadt, ungefähr eine Stunde von Buenos Aires entfernt. Die Zugfahrt war für sich alleine schon die Reise wert ;-)
Neben Einfädelhilfen und allerlei möglichem  Gebäck/Süssigkeiten, wurden mir und den anderen Passagieren auf der kanpp 1.5h stündigen Fahrt sogar Ibuprofen feilgeboten. Was mich dabei jedoch erstaunt, ist der Respekt, welcher allgemein den Mitmenschen gezollt wird. Praktisch jedes Mal wird applaudiert, wenn eine Musikgruppe in der U-Bahn spielt oder es wird der Sitzplatz freigegeben, wenn z.B ein Vater mit seiner kleinen Tochter in den Zug einsteigt.
Um 12:00 ging ich, anlässlich des Ostersonntags in die spektakuläre Kathedrale, um an der Eucharistiefeier teilzunehmen. Als Protestant lerne ich immer wie mehr die Welt der Katholiken kennen. Einen ersten, tieferen Eindruck erhielt ich vor knapp einem Jahr, als ich mir eine dreitägige Auszeit in der Abbaye d'Hauterive im Kanton Freiburg nahm. Trotz der vielen Skandale hat die katholische Kirche auch viel Positives zu bieten. Besonders die tiefe Ehrfurcht vor Jesus und dem damit verbundenen Abendmahl, finde ich nachahmenswert.
Es geschah mehr aus einem Zufall heraus, dass ich mich nach längerem Bummeln in das Café neben einem Foodfestival setzte, um einem Kaffee zu trinken. Da sprach mich eine Mitfünzigerin an und bat mich darum, auf Google Maps nach der nächstbesten Apotheke zu suchen. Im Nachhinein weiss ich nicht, ob sie diese Frage nur als Vorwand brauchte um mit mir ins Gespräch zu kommen oder ob sie grundsätzlich wirklich dorthin gehen wollte (denn schlussendlich ging sie nicht). Jedenfalls fragte sie mich höflich, nachdem wir ein wenig ins Gespräch kamen, ob sie sich zu mir setzen darf. Es waren am Ende ungefähr 2.5h in denen sie mir über ihr momentanes Studium, die politische Lage Argentiniens und das ganze soziale Geschehen berichtete. Sie kam richtig in Fahrt und ich versuchte ihren Gedankengängen so gut wie es ging zu folgen. Obwohl es mit Anstrengung verbunden war, nahm ich diese Gelegenheit als gute Übung wahr, meine Spanischkenntnisse zu verbessern.
Die Sprache nicht nur theoretisch lernen, sondern eben auch zu praktizieren. 
Schlussendlich gab sie mir ihre Telefonnummer und nun habe ich eine argentinische Kollegin in La Plata😁 Wie es der Zufall wollte, ist sie auch Sozialarbeiterin und es können sich sicher noch weitere, tolle Dialoge mit ihr über Gott und die Welt ergeben. Besonders auch in der Hinsicht ein paar Tipps für meine zukünftige Ausbildung zu erhalten.

Im Projekt wurde durch die Anstellung eines Theaterlehrers, nun ein interessantes Wochenprogramm auf die Beine gestellt. Es existieren hierzu zwei, dem Alter nach getrennte Gruppen. "Los Cocos" (6-9 Jahre) und "Los Titanes" (9-13 Jahre). Montags steht für die Kinder jeweils entweder Kunst oder Theater auf dem Programm. Dienstags dreht sich (fast) alles um die Musik. Zur Zeit beginnen die Vorbereitungen für eine im November stattfindende "Murga" (eine Art Umzug), welche im Projekt vonstattengehen wird. Hierbei lernen die Kinder den Umgang mit Rhythmusinstrumenten. In der Mitte der Woche gibt es Workshops im Bereich Ernährung und Fitness --> Garten, Kochen oder Sport. Ein kleiner Garten, um eigenes Gemüse anzupflanzen, befindet sich  in Planung. Am letzten der vier Tage ist dann einfach Spielen angesagt. Dafür sind wir die letzten Male zum nahegelegenen Spielplatz gelaufen und haben uns dort ausgetobt.
Wie ihr sehen könnt, ein buntgemischtes Angebot! Genau das Richtige für jemanden wie mich, der sich zwischendurch etwas schwer tut, nur wenige, dafür konkrete Interessen aufrechzuerhalten ;-)
Als leidenschaftlicher Schlagzeuger und Hobbykoch setzte ich mich gerne mit Rhythmus und Kulinarik auseinander. Sport ist für mich ein wichtiger Ausgleich zum routinemässigen Alltag. In der Schweiz half ich ab und an meiner Mutter im Garten und spiel(t)e, wenn sich die Gelegenheit ergibt, auch mal spontan in Sketches o.ä mit.



Jo's Corner:

Ich habe das Gefühl für den bewussten Genuss verloren. Immer wie mehr eile ich etwas nach, von dem ich selbst nicht genau weiss, was es ist. Konkretes Beispiel: Essen. So häufig esse ich einfach mit einer Selbstverständlichkeit und nicht besonders aufmerksam. Hinzu kommt eine Hast die Mahlzeit schnell zu beenden und dann im Hamsterrad des Daily Business weiterzudrehen.
Wieso nicht einfach mal gemütlich hinsitzen und jeden Bissen bewusst kauen?  Keine Ablenkung, sondern nur du und dein Gericht.
Ich versuche mir nun beizubringen, vermehrt jedes Mal mindestens 20x zu kauen, bis ich den Bissen runterschlucke. Und auch nicht so schnell etwas runterzuschlingen, als müsste ich in wenigen Minuten auf den Zug. Hat den Vorteil einerseits zur Ruhe zu kommen und den Geschmack des Essen voll auszukosten und andererseits ist es gesünder und man wird schneller satt. Allgemein bewusster leben und sich nicht einfach gedankenlos einreden, man bekomme ja sowieso wieder einmal die Chance dies zu tun oder jenes zu essen.


Sei die beste Version deiner selbst; trage deinem Körper und Geist sorge.


-Jo

Monument für den General San Martin (Der "Befreier" Argentiniens)

Drum it!


Eingang des Jardin Botanico

Der "La Catedral (Tango) Club"



Die Kathedrale von La Plata

 Black & White 3.0





Montag, 15. April 2019

2 Monate vorbei und weitere 4 folgen

Buenos Dias!

Der Grund weshalb ich erst jetzt wieder einen Blogeintrag mache, liegt schlicht und ergreifend darin, dass sich etwas etabliert hat: Der Alltag. Und der ist bekanntlich nicht immer so spannend. Projekt, Sport, Seminar, Wochenende, Nun habe ich aber wieder ein paar tolle Dinge erlebt, von denen ich euch berichten möchte.
Ich suche, wie bereits mehrfach erwähnt, gerne zwischendurch die Einsamkeit und Stille (so gut wie es eben in B.A geht). So machte ich mich eines Nachmittags auf den Weg ins Reserva Ecologica de Buenos Aires. Ein Naturschutzgebiet inmitten der Stadt, gedacht zur Erholung und Kontemplation. Es war genau das Richtige, was ich brauchte, um nach dem Patagonien-Minialltagsschock und weiteren kleineren Erlebnissen wieder meine innere Mitte zu finden.

Ausnahmsweise hatten wir einmal an einem Samstag das Seminar. Es war allerdings nicht ein gewöhnliches Treffen, sondern wir hatten eine "Mission". An einer Art Veranstaltung, bei der verschiedenste, soziale Organisationen vertreten waren, liefen wir mit T-shirts unserer Dachorganisation umher und verteilten Flyer. Und da kam dieses merkwürdige Gefühl. Ein Gefühl zwischen leichter Verzweiflung und dem Drang aus der Komfortzone heraus zu kommen. Einfach so Menschen ansprechen und über Outgoing-Programme sprechen, obwohl meine sprachlichen Fähigkeiten ziemlich begrenzt sind? Im Endeffekt konnte ich mich einigen anderen Volunteers anschliessen und die Sache war nur noch halb so wild. Doch es lehrte mich wieder einmal, wie es sich wohl anfühlt fremd zu sein und das eigentliche Fundament eines Landes, die Sprache, nicht zu beherrschen. So ergeht es also den tausenden von Flüchtlingen, die beispielsweise in die Schweiz kommen und sich dort einleben und anpassen müssen. Ich habe das Privileg wieder nach Hause gehen zu können und ich verstand ja bereits vorher ein wenig die hiesige Sprache. Doch wie ist es wohl, wenn man weiss, dass man vielleicht nie mehr zurückkehren kann?
Hier in Argentinien hat man viel Zeit sich Gedanken zu machen. Manchmal sogar ein wenig zu viel.  Und ich kann es gerne noch ein hundertstes Mal betonen: Ich lerne viel hier!

Ja, die liebe Volunteer-WG. Durch meine bereits gemachten Erfahrungen, ist es witzig Parallelen zu meinem früherigen WG-Leben festzustellen. So etwa die beiden bekannten Probleme:
  • Ich habe das letzte Stück Kuchen genommen, aber es würde mir nie im Leben in den Sinn kommen das Gefäss zu reinigen, in welchem der Kuchen drin war
  • Oder, um beim Kuchen zu bleiben. Ich schneide mir extra so ein Stück ab, damit zwar am Ende fast nichts mehr übrig bleibt, ich jedoch garantiert nicht abwaschen muss ;-) 
Auf gut Berndeutsch dachte ich mir nur: "Es heimelet grad chli a die aute Zyte" :-)

Eine Challenge, von der ich euch noch nicht erzählt habe, spielt sich jeden Tag auf den Strassen von Buenos Aires ab. Nämlich die "Hoffentlich-stehe-ich-nicht-in-die-Hundekacke-Challenge". Es sieht zwischendurch fast wie eine Art Walzer aus, wenn ich mich durch die Hauptstadt Argentiniens bewege... ;-)

Am vergangenen Samstag wollte ich etwas mehr über Buenos Aires erfahren und schloss mich einer Free-Walking-Tour-Gruppe an, um zentrale Aspekte dieser Stadt kennen zu lernen. Die Tour führte während drei Stunden zu den zentralen Orten im Zentrum. Dabei war es sehr spannend die verschiedenen Facetten dieses Ortsteils besser kennenzulernen und intensiver in die Kultur einzutauchen. Die ganze Geschichte rund um die Entwicklung, Diktatur und die heutigen Gegebenheiten der Millionenmetropole, waren faszinierend. Ausserdem war es wiederum etwas, was mich aus der WG rausgeführt hat (Stichwort: Pro-Aktiv sein!). Ich lerne Buenos Aires immer wie mehr schätzen und lieben. Argentinien allgemein. Solch eine Diversität in einem einzigen Land vorzufinden, ist fantastisch!   

Zum Ausklang des Wochenendes traf ich mich am Sonntagabend mit einer ehemaligen Volunteerin aus der Schweiz, die zur Zeit in Buenos Aires Soziologie studiert. Nach zwei Monaten wieder einmal ein "Stückchen Heimat" zu haben, war weniger speziell, als ich es erwartet habe. Wenn wir schon beim Thema "Schweizer(in) in Argentinien" sind, dann gibt es diesbezüglich zusätzliche News. Ein guter Kollege von mir, wird mich voraussichtlich Mitte Juni besuchen. Geplant ist anschliessend eine ca. zweiwöchige Reise in den Norden und Nordwesten Argentiniens. Zwar grundsätzlich das genaue Gegenteil von Patagonien und dennoch sehr empfehlenswert, wie mir von vielen Seiten her beigepflichtet wurde.


Jo's Corner: 

Sei mutig für Veränderungen. Dieser Gedanke beschäftig mich schon eine längere Zeit hier in Argentinien. Ich frage dich: Wie wäre es damit eine neue Sprache zu erlernen, ein neues Hobby anzufangen oder einem Club/Verein beizutreten? Ganz zu schweigen von stiltechnischen Dingen, die man verändern kann (Haarschnitt, Kleidung usw.). Alltag und Routine sind schön und gut, können aber längerfristig auch zu Trägheit und Bequemlichkeit führen. Bringe Veränderung in dein Leben!


Deine Zeit hier auf der Erde ist begrenzt, mache etwas Spannendes daraus!


-Jo



Kontrast zwischen Reserva Ecologica und Downtown B.A


Let's twist again :-)

Congreso

Wieder einmal Kind sein

Allabendliche Prozession am Plaza de Mayo, um die riesige Argentinienflagge wieder zurück in den Präsidentenpalast zu transportieren (man beachte das Sonnensymbol der Flagge, welches perfekt nach oben zeigt) 





Sonntag, 31. März 2019

P A T A G O N I A

Buenas meine lieben Freude!

Ich bin zurück aus Patagonien!
Eigentlich kann man die Reise nicht mit Worten beschreiben, aber ich glaube die Bezeichnung ATEMBERAUBEND trifft es dennoch sehr gut. Was ich alles erleben durfte war einfach fantastisch.  Angefangen vom Fahrrad fahren auf dem Circuito Chico in Bariloche bis hin zu einer Bootstour am Ende der Welt. Ich könnte hier wohl einen ganzen Roman schreiben über all das Erlebte, werde mich aber auf das Wichtigste beschränken. Ich lasse mehr die Bilder sprechen.
Was mich besonders an der ganzen Reise berührte war, dass Alles und damit meine ich wirklich Alles reibungslos funktioniert hat. Busfahrten, Flüge, Taxis; es ging schlussendlich immer auf. Auch wenn ich einmal fast 2,5h auf den Ferrnbus warten musste ;-). Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich mir die Freiheit nahm alleine loszuziehen und dadurch einerseits mich und andererseits auch das Leben + die Menschen besser kennen lernen durfte. Durch das Alleinreisen kam ich in Kontakt mit neuen Leuten und genoss den Austausch mit ihnen. Das ist es doch, was das Leben spannend macht!
Ausserdem war ich jeweils ganz alleine verantwortlich, damit ich am Abend etwas zu essen hatte, ein Programm für all die Tage auf den Beinen stand oder wo ich wie lange bleiben wollte.

Neben vielem Weiterem lernte ich Alles etwas gelassener zu sehen. Man kann halt einfach nicht alle Ausflüge/Möglichkeiten ausschöpfen, besonders wenn man so kurz unterwegs ist. Dabei aber auch in Kauf zu nehmen, dass einem das Wetter oder auch andere Faktoren einen Strich durch die Rechnung machen. Flexibel zu bleiben und auf Unvorhergesehenes reagieren zu können ist nicht einfach aber definitiv lehrreich. Stichwort: Anpassungsfähigkeit!

In all dem aber auch Gottes Bewahrung und seine Fingerabdrücke zu sehen ist phänomenal.
Besten Dank für eure Gebete! Besonders in heikleren Situationen ergab sich immer wieder schnell eine passende Lösung, was absolut keine Selbstverständlichkeit darstellt.

Nun wie sah denn mein Programm in Patagonien aus? 

Die ersten drei Tage verbrachte ich in Bariloche. Ein wunderschöne Gegend mit einer genialen Seenlandschaft.

Hiking!

Mir sind mit em Velo da

View


Darauf hin war die erste Busreise angesagt. Nach Puerto Madryn, wo ich vier Tage blieb.
Seelöwen in Punta Norte

Strand von Puerto Madryn

Punta Tombo (grösste Magellan-Pinguin-Brutstätte der Welt)
Tonina-Delfin


Nach diesen erlebnisreichen Tagen stand die längste Busfahrt der ganzen Reise bevor. Ingesamt waren es etwa 23h. Danach erreichte ich El Calafate, wo ich mehr eine Art Zwischenstopp einlegte.


Perito Moreno Gletscher (nach dem ein grosser Eisblock in die Tiefe stürzte)

Perito Moreno Gletscher 2.0

Vogelreservat in El Calafate

 Dann ging es schon in die Schlusskurve. Nämlich ans Ende der Welt. Ushuaia!
Glaciar Martial (durch eine Klettereinlage war der Gletscher zum Greifen nah)

Wunderbare Aussicht auf Ushuaia

Stürmischer Beagle-Kanal mit Seelöwen

Leuchtturm "Les Eclaireurs" (inkl. Kormorane)

Patagonien! Ushuaia! Freiheit!




Leider gab es natürlich auch ein, zwei negative Erlebnisse, welche aber fast nicht erwähnenswert, mehr schon fast amüsant sind. Schnarcher gehören in diese Kategorie. Sei es im Bus oder im Hostelzimmer. Sicher nette Leute, aber wenn sie ihre Stihl-Kettensäge einmal zum laufen gebracht haben, dann sind Ohropax goldwert und manchmal dennoch nicht genug ;-). Die Themen Einsamkeit/Geld waren (zwischendurch) auch aktuell. Ich konnte meistens die Kosten nicht splitten, musste oft Leute fragen, ob sie ein Foto von mir machen konnten usw. Doch die Freude am Alleinsein überwog allemal!
Krasser war die Ankunft in Buenos Aires. Man könnte es mit einem leichten Fausthieb ins Gesicht vergleichen, als sich schlagartig der Alltagsmodus wieder meldete... Aus der Idylle Ushuaias zurück in die Grossstadt und damit auch in die Volunteer-WG.

Was macht Patagonien so einzigartig?
Es ist die unendliche Weite und Vielfalt dieser Gegend, welche Sehnsucht, Freiheit, Frieden und Heilung hinterlässt. Jedenfalls mir ging es so. Patagonien wird ein grosses Highlight meiner bisherigen Reisedestinationen bleiben.


Jobs fill your pocket but adventures and travelling fill your soul! 

In the end we only regret the chances we didn't take!

-Jo


Jo's Corner: 

Nimm dir doch mal ein paar Tage frei oder einfach ein Wochenende. Verreise alleine an einen Ort und geniesse die Einsamkeit und Unabhängigkeit. Ich war einmal für wenige Tage in einem Kloster im Kanton Fribourg um Innezuhalten und mich neu zu Orientieren. Eine tolle und wohltuende Erfahrung. Aber es geht auch einfacher: Zugticket lösen, Zelt mitnehmen und ab ins Tessin ;-)